Château Cantemerle 2004 liefert überzeugende Argumente dafür, auch jenseits der gefeierten Bordeaux-Jahrgänge zu suchen. Weder so opulent wie 2003 noch so hochgelobt wie 2005, nimmt der Jahrgang 2004 auf dem Markt seit Langem einen unauffälligeren Platz ein. Gut gelagerte Flaschen können jedoch genau das bieten, was sich viele Weinliebhaber von einem gereiften Bordeaux wünschen: aromatische Komplexität, ausgewogene Struktur und ein unverkennbares Gefühl für seine Herkunft.

Cantemerle ist besonders reizvoll, weil sein Stil traditionell eher von Duftigkeit und Finesse als von schierer Kraft geprägt ist. Nach zwei Jahrzehnten kann der 2004er ein anspruchsvolles Genusserlebnis bieten, ohne das stattliche Preisschild vieler klassifizierter Médoc-Weingüter. Er ist auch eine wohlüberlegte Wahl für ein Dinner zu zweit: bekannt genug, um Gesprächsstoff zu liefern, zurückhaltend genug als Speisenbegleiter und gereift genug, um dem Abend einen besonderen Charakter zu verleihen.

Ein Cinquième Grand Cru Classé mit ungewöhnlicher Geschichte

Château Cantemerle liegt in Macau, nahe dem südlichen Ende der Appellation Haut-Médoc und unweit der Grenze zu Margaux. Diese Lage trägt dazu bei, dass das Weingut für eine elegante, duftige Interpretation des Médoc bekannt ist und weniger für besonders wuchtige Weine.

Das Château ist in der Klassifikation von 1855 als Cinquième Grand Cru Classé eingestuft. Sein Platz in dieser historischen Rangordnung ist mit einer interessanten Fußnote verbunden. Cantemerle war in einer frühen Fassung der Liste nicht vertreten, Berichten zufolge deshalb, weil seine Weine traditionell direkt verkauft wurden und nicht über jene Bordeaux-Makler, deren Marktaufzeichnungen als Grundlage für die Klassifikation dienten. Nachdem Belege für seine Verkaufspreise vorgelegt worden waren, wurde das Weingut in die offiziell veröffentlichte Klassifikation aufgenommen.

Seit 1981 befindet sich Cantemerle im Besitz der französischen Versicherungsgruppe SMABTP. Investitionen unter diesem Eigentümer führten zur Erweiterung der Rebfläche und zur Modernisierung des Weinguts, während dieses an seiner bewährten Ausrichtung auf Cabernet Sauvignon und Merlot, ergänzt durch Cabernet Franc und Petit Verdot, festhielt.

Warum der Jahrgang 2004 Aufmerksamkeit verdient

Die Vegetationsperiode 2004 folgte auf die außergewöhnlich heißen und trockenen Bedingungen des Jahres 2003. Sie war von einer sehr großen potenziellen Erntemenge geprägt, weshalb eine sorgfältige Arbeit im Weinberg und die Ertragskontrolle besonders wichtig waren. Der September brachte günstiges Wetter, das den Erzeugern half, Cabernet Sauvignon unter guten Bedingungen zu lesen. Die daraus hervorgegangenen roten Bordeaux-Weine sind im Allgemeinen frischer, straffer und weniger konzentriert als jene aus den Jahren 2003 oder 2005.

Dieser Vergleich hat dem Jahrgang 2004 in kommerzieller Hinsicht mitunter geschadet. Bordeaux-Käufer suchen häufig nach Jahrgängen, die mit Fülle, Langlebigkeit und hohen Bewertungen der Kritiker verbunden werden. Die vergleichsweise klassischen Proportionen des 2004ers – moderates Fruchtgewicht, präsente Säure und strukturierte Tannine – wirkten in der Jugend weniger spektakulär. Im Laufe der Zeit konnten sich bei gelungenen Weinen jedoch jene würzigen, herzhaften Nuancen entwickeln, für die gereifter Bordeaux geschätzt wird.

Ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bei gereiftem Bordeaux findet sich oft zwischen den berühmten Jahrgängen – dort, wo Ausgewogenheit mehr zählt als der Mythos eines Jahrgangs.

So schmeckt Château Cantemerle 2004

Der Zustand der Flasche ist inzwischen entscheidend, doch ein intakter Château Cantemerle 2004 sollte eher Subtilität als Kraft in den Vordergrund stellen. Sein Fruchtprofil kann getrocknete Schwarze Johannisbeere, rote Kirsche und Pflaume umfassen, während die Flaschenreife Noten von Zedernholz, Tabakblatt, Graphit, Waldboden und getrockneten Kräutern hervorbringen kann. Cantemerles charakteristische florale Qualität kann in Form eines Hauchs von Veilchen oder verblühter Rose fortbestehen.

Am Gaumen ist er typischerweise mittelkräftig, mit erfrischender Säure und Tanninen, die inzwischen weicher geworden sein sollten, aber nicht unbedingt vollständig verschwunden sind. Dies ist kein üppiger Stil mit süßlicher Frucht. Sein Reiz liegt im Zusammenspiel von verbliebener Frucht, erdigen Reifenoten und einem sanft würzigen Abgang. Wer an junge, vom Holz geprägte Cabernet-Weine gewöhnt ist, könnte ihn zunächst als zurückhaltend empfinden; Liebhaber traditionellen Bordeaux dürften seine Ausgewogenheit hingegen umso mehr schätzen.

Eine gereifte Flasche sorgfältig servieren

Die Provenienz ist wichtiger als jede veröffentlichte Bewertung. Achten Sie auf eine Flasche mit intakter Kapsel, unbeschädigtem Korken und einem dem Alter angemessenen Füllstand. Meiden Sie Anzeichen von Hitzeeinwirkung oder Auslaufen. Da mit Depot zu rechnen ist, sollte die Flasche vor dem Öffnen mehrere Stunden aufrecht stehen.

Beim Dekantieren ist Vorsicht geboten. Trennen Sie den Wein vom Depot und probieren Sie ihn anschließend sofort. Eine intakte Flasche kann von 20 bis 40 Minuten Luftkontakt profitieren, doch längeres Dekantieren kann dazu führen, dass ein gereifter, feiner Wein rasch abbaut. Servieren Sie ihn bei etwa 16–18 °C und nicht bei warmer Zimmertemperatur. Große Gläser helfen seinen zurückhaltenden Aromen, sich zu entfalten.

Speisenbegleitung und Reiz für ein Dinner zu zweit

Cantemerle 2004 gehört auf den Esstisch. Lammbraten, Entenbrust, Rinderfilet und Pilzgerichte ergänzen seinen erdigen, von Zedernholz geprägten Charakter. Für eine fleischlose Kombination eignen sich Linsen, gegrillte Aubergine oder eine Tarte mit Pilzen und Kräutern. Vermeiden Sie sehr süße Saucen oder ausgeprägte Chilischärfe, da diese die gereifte Frucht überdecken und die Tannine härter erscheinen lassen können.

Bei einem Date bietet der Wein mehr als nur Prestige. Seine Geschichte liefert mühelos Gesprächsstoff, während seine moderate Statur dafür sorgt, dass das Essen im Mittelpunkt bleibt. Das Öffnen einer gereiften Flasche fördert außerdem ein gemächlicheres Tempo: den Korken prüfen, die Entwicklung der Aromen beobachten und sich beim Dinner über die jeweiligen Eindrücke austauschen.

Warum er weiterhin unterschätzt wird

Cantemerle erzielt nicht die prestigebedingten Preise der berühmtesten Namen des Médoc, und der Jahrgang 2004 zieht weniger spekulative Nachfrage auf sich als besonders begehrte Spitzenjahrgänge. Diese Kombination kann zu einem attraktiven relativen Preis-Leistungs-Verhältnis führen. Unterschätzt bedeutet nicht preiswert und garantiert auch nicht, dass sich jede Flasche nach jahrelanger Lagerung gleich gut präsentiert. Es bedeutet vielmehr, dass der Wein mehr Reife, klassifiziertes Renommee und regionalen Charakter bieten kann als ähnlich teure Flaschen aus modischen Weingütern oder Jahrgängen.

Château Cantemerle 2004 sollte daher nicht als Blockbuster oder Anlageobjekt betrachtet werden, sondern als eleganter, gereifter Haut-Médoc, der bereit für den Esstisch ist. Bei guter Provenienz kann er zeigen, wie wunderbar ein übersehener Bordeaux-Jahrgang reift – und warum Eleganz oft nachhaltigeres Vergnügen bereitet als Kraft.